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Du sollst den Tag nicht vor dem Abend...

Eigentlich hat der Tag ganz vielversprechend angefangen: 8 Stunden Schlaf. Schicken neuen Gi vom Ostergeld gekauft. Käffchen getrunken und in der Sonne gesessen, dabei über Aikido philosophiert (und über andere Aikidokas gelästert). Dann ein bisschen für die Magisterarbeit gelesen. Danach mit einer anderen Freundin Lebensmittel gekauft und die dann zu einem leckerem Essen verbraten. Und dann mit vollgeschlagenem Bauch und dem neuen Gi zum Fortgeschrittenentraining.

Und da endete die Glücksstähne. Dass H. auf meinen harmlosen Kommentar, er sei heute für’s Training zuständig, mit einem Blick à la du-hast-mich-auf’s-tödlichste-beleidigt reagierte, hat mich nur ein ganz klein bisschen aus der Bahn geworfen. Die zahllosen vergeblichen Versuche, den Lehrer zu werfen, dämpften meine Laune auch nicht mehr als sonst. Doch dann schaute ich gegen Ende der Stunde – nach einem tendenziell eher ruppigen randori – beim suwariwaza kokyoho zu und fragte mich: Worum geht es hier eigentlich?

Dass K. von seinen Schülern ganz viel Qi verlangt, hat fast jeder im Dojo verstanden. Dass kaum jemand dieses Qi aufbringt, dürfte auch niemandem entgangen sein. Bleibt die Frage, wie das Defizit ausgeglichen wird. Meiner Meinung nach mit Muskelmasse, die ich nicht besitze. Deshalb habe ich einen strategischen Nachteil. Ob sich der Lehrer von der Muskelmasse, mangels besserer Alternativen, täuschen lässt, kann ich nicht beurteilen. In meinem Frust würde ich die Frage momentan aber bejahen. Der junge Aikido-Gott würde schief lächeln, eine Augenbraue hochziehen und auf die nicht-gestellte Frage antworten: Aber ist das wirklich ein Problem? Setze der Muskelmasse dein Qi entgegen. Denn das schlägt wie bei Schnick-Schnack-Schnuck die Muskelkraft. Und zwar jede Muskelkraft. Immer. Jedoch handelt es sich hierbei um eine Milchmädchenrechnung: Erstens besitze ich wahrscheinlich nicht genug Qi, um die Muskelkraft gutgebauter junger Möchtegern-Aikido-Götter zu schlagen. Und zweitens verzieht sich mein Qi angesichts unwilliger Ukes ganz tief ins Zentrum und traut sich nicht mehr raus.

Und von der Sorte Ukes gibt es bei uns im Dojo mehr als genug. Genauer gesagt lassen sich die willigen ukes an einem Finger abzählen (Und dabei meine ich nicht unbedingt mich!). Vor lauter Angst, aus Aikido einen zeitgenössischen Ausdruckstanz zu machen, wird bei uns jegliche Zusammenarbeit zwischen Uke und Tori verweigert. Das heißt im Klartext, dass Uke nix gibt. Keine Energie. Kein gar nix. Tori versucht aber umso mehr mit diesem Nix zu arbeiten, was dann in eine arge Zerrerei und Zurückzerrerei ausartet. Die Idee eines Energieflusses zwischen den Partnern (Ja, das sind sie nämlich: Partner, keine Gegner!) ist quasi inexistent.

Diese Art des Übens würde ich ja akzeptieren, wenn die Übenden denn Spaß dabei hätten. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall: Alle schauen verkniffen, werden immer röter im Gesicht, tun sich gegenseitig weh und langsam aber sicher verspannt sich jeder Muskel im Körper. Freudvolles Training ist verpönt. Wer Freude zeigt, nimmt die Sache nicht ernst. Lachen darf nur der Lehrer und zwar über die Fehler der Schüler. Dabei sagt selbst Stefan Stenudd, der immerhin einen 6. Dan hat und Shidoin ist, dass die Freude am Training der beste Wegweiser im Aikido ist: Empfindet man sie, ist man auf dem richtigen Weg, empfindet man sie nicht, sollte man das Dojo wechseln oder sogar ganz mit Aikido aufhören.

Sowas wie heizen, sich wie wild bewegen und unheimlich Spaß daran haben, gibt es bei uns im Dojo so gut wie gar nicht. Entweder fallen die Leute sofort zusammen oder blocken wo es nur geht.

Um nach dieser ganzen Rummotzerei den Text mit etwas Positivem abzuschließen: Morgen kommt Armin Müller in die Stadt und Ende der Woche ist der junge Aikido-Gott wieder aus Schweden zurück.

Ein harter Text und sicherlich teilweise auch ungerecht. Man nehme mir das nicht übel. Ich musste meinen Frust irgendwo loswerden.

 

19.04.2006 22:52 von Henny

  1. Vielleicht muß sich den Qi erst and en neuen Gi gewöhnen und traut sich nur nicht. Mit Toris würde ich aber auch nicht trainieren wollen.

    » Andreas » 4177 Tage zuvor » #
  2. Haha.

    » Henny » 4177 Tage zuvor » #
  3. Hui, entschuldige, ich glaubte Ironie herausgelesen zu haben, so dass mir die Brisanz der Lage entging.

    » Andreas » 4177 Tage zuvor » #
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